Vom bewegungsfreudigen Kind über herausfordernde Jahre im Berufsleben bis hin zu Burnout, Neuanfang und Spezialisierung: Jennis Weg zum Yoga und schließlich zu Functional Yoga ist geprägt von persönlichen Erfahrungen, kontinuierlichem Lernen und dem Wunsch, Bewegung neu zu denken. Heute verbindet sie fundiertes anatomisches Wissen mit der Tiefe der Yoga-Philosophie und schafft so einen Zugang, der besonders für Menschen mit individuellen körperlichen und neurologischen Bedürfnissen neue Möglichkeiten eröffnet. Im Interview spricht sie über ihren Weg, ihre Arbeit und ihre Vision von einer inklusiveren, nachhaltigeren Bewegungspraxis.

Wie bist du zur Bewegung, zum Yoga und insbesondere zu Functional Yoga gekommen?
Ich hatte bereits als Kind schon immer einen großen Bewegungsdrang und Dank meiner Eltern wurden mir viele Sportarten ermöglicht, von Ballett, Karate bis Cheerleading. Nach dem Abi und mit Start ins Berufsleben ist diese Leidenschaft bedauerlicherweise in den Hintergrund gerückt. Im Alter von 20-30 Jahren war während meiner Arbeit in Werbeagenturen kaum Freizeit in Form von Sport möglich. Dabei hätte es mir physisch sowie mental sehr gutgetan.
Ende 20 habe ich meinen damaligen Beruf aufgrund eines Burnouts verlassen und hatte bereits vorher wieder etwas Sport im Fitnessstudio angefangen sowie zum Yoga gefunden. So führte mich mein Weg zu meiner ersten Yoga Ausbildung und den Start in die Selbstständigkeit als Yogalehrerin 2018. Obwohl ich nicht mehr in meinem alten Beruf arbeitete und bereits ausgebildete Yogalehrerin war, hatte ich trotzdem regelmäßig mit Gelenkentzündungen und Verletzungen zu tun. 2020 veränderte sich wieder alles und während der ersten Corona Zeit fand ich nach vielem Recherchieren zu Lara Heimann und LYT Yoga. Lara ist Physiotherapeutin, hat viele Jahre in Reha Kliniken gearbeitet und auf diesem Wissen basiert ihre Methode. Während der Corona Zeit habe ich bei ihr Online eine zweite 200h Ausbildung absolviert und ein großes Fundament an Anatomie-Wissen aufbauen können.
Das war der Startpunkt für mich, immer weiter über Anatomie in Bewegung, Biomechanik und Einfluss von Atmung und Nervensystem zu lernen. Inzwischen bin ich 500h ausgebildete LYT Trainerin und habe mich bei anderen Trainerinnen in Krafttraining und Nervensystem Regulierung für Menschen mit Hypermobilität weitergebildet. Die nächste Krafttraining-Fortbildung steht auch bereits in den Startlöchern. Über die letzten Jahre habe ich die Diagnosen Hypermobilität (HSD) und ADHS erhalten und spezialisiere mich inzwischen in meiner Arbeit darauf. Functional Yoga ist meine Art dieses Wissen weiterzugeben und Yoga zugänglicher werden zu lassen, da ich selbst weiß, wie es ist aufgrund von chronischen Schmerzen, Verletzungen und Hypermobilität eingeschränkt zu sein.
Was hat dich dazu inspiriert, gemeinsam mit Jenifer Platz MOTIVITY zu gründen?
Wir haben uns durch Lara Heimann und LYT Yoga in der Corona Hochphase kennengelernt. Es gab zu der Zeit nur sehr wenige LYT Teacher in Deutschland, Jenny hatte bereits vor mir die LYT Ausbildung abgeschlossen. Es ist ein großer und schöner Zufall, dass wir beide in der gleichen Stadt wohnen, dann auch noch fast gleich heißen und gleiche Wünsche haben J Wir hatten beide den Traum ein eigenes Studio aufzubauen und unseren Wunsch von gesunder und zugänglicher Bewegung weiterzugeben. So kam es, dass wir uns zusammengetan haben und wir mit unserem Motivity Studio seit 2022 Functional Yoga, Pilates und Training weitergeben können.
Wie würdest du deinen eigenen Unterrichtsstil beschreiben – und was unterscheidet ihn von klassischem Yoga?
Mir ist es wichtig, dass ich in meinen Yoga Klassen die Yoga Philosophie lebendig werden lasse. Ich versuche Impulse zu geben, wie die Philosophie reflektiert und in der heutigen Zeit gelebt werden kann. Während der Zeit auf der Yoga Matte sowie im Alltag. Die physische Asana Praxis fokussiert sich weniger auf Flexibilität, Dehnen oder das Erreichen von „ganzen/vollen“ Haltungen, sondern mehr auf Stabilität und Mobilität in den Bewegungen und das Finden des individuellen Alignments der Haltungen basierend auf der eigenen Anatomie.
Ich orientiere mich in meinen Sequenzen an Bewegungen aus dem Alltag und verknüpfe dies mit den Asanas. Mir ist es wichtig, die Menschen in meinen Klassen zur Selbstwirksamkeit zu ermutigen. Ich gebe Impulse von „Wie bewege ich mich“ und „Warum bewege ich mich wie“ und setze regelmäßig Yoga Probs ein um die Übungen zu erkunden, egal ob Beginner oder Fortgeschrittene Klasse. Auch setze ich keine Hands-On Assist ein, die Menschen tiefer oder weiter in eine Haltung bringt. Die Range-of-Motion, die der Mensch aus eigener Kraft halten kann, ist aus meiner Sicht ausreichend.

Functional Yoga vereint Yoga mit wissenschaftlich fundierten Bewegungsprinzipien – wie erklärst du das Laien in drei Sätzen?
Ich möchte Yoga als ganzheitliche Praxis für Körper, Geist und Seele weitergeben, zusammen mit dem aktuellen anatomischen und wissenschaftlich fundierten Wissen aus der Bewegungslehre. Die Kombination aus beiden Welten greift ineinander und unterstützt dich dabei, mehr über den Körper zu lernen und diesen besser zu verstehen, sowie einen achtsamen Weg zu dir selbst zu finden.
Du leitest auch Ausbildungen und Teacher Trainings – was ist dir beim Unterrichten angehender Lehrpersonen besonders wichtig?
Jeder Mensch ist Einzigartig und genauso individuell sind auch unsere Körper und Bedürfnisse. In meinen Ausbildungen ist es mir wichtig, dass die Teilnehmenden dies durch das Erlernen von fundiertem Anatomie Wissen zunächst für sich selbst anwenden sowie als Teacher die Menschen individueller und nachhaltiger begleiten können.
Du hast öffentlich über deinen ADHS-Weg und deine Erfahrungen mit Yoga und Bewegung gesprochen – wie prägt das deinen Unterricht und deine Haltung?
In dem ich Neurodivergenz wie ADHS sichtbar mache, kann ich dazu beitragen, Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen zu unterstützen sowie darüber aufzuklären, dass mit uns nichts falsch ist, wenn typische Mediations- und Atemübungen für unsere Gehirne und Nervensysteme nicht gut passen. Besonders das Still-Sitzen in Mediation oder Savasana ist oft eine Herausforderung und muss nicht einfach nur besser oder länger geübt werden, sondern eher anders geübt werden.
Ich rege daher gern in meinen Klassen zum „Stimming“ an (wiederholende Bewegungen / Berührungen), was für neurodivergente Gehirne eine große Hilfe für Fokus und Regulierung ist. Zum Beispiel Pendelbewegung im Sitzen, Reiben von Fingerspitzen oder Becken Abrollen im Liegen. Wer mag, kann das in den Haltungen dazu nehmen – oder nicht.
Wie wichtig ist für dich die Balance zwischen Aktivität, Ruhe und Achtsamkeit – und wie bringst du das in dein eigenes Leben?
Ich lerne mich selbst immer noch weiter kennen seit meiner späten ADHS Diagnose und versuche herauszufinden, was mir gut tut, was mich reguliert und was anerlernte Muster sind, die mir nicht gut tun. Ich brauche definitiv regelmäßig kraftvolle Bewegung und liebe daher auch Krafttraining. Das bringt mich zur Ruhe. Genauso gut tun mir Ausflüge in der Natur mit meinem Mann und unserer Hündin. Wenn ich wieder Schlafprobleme habe, dann weiss ich spätestens, dass ich wieder ein bisschen achtsamer mit mir im Alltag werden muss. Grundsätzlich ist es für mich eine permanente Herausforderung mit ADHS und chronischen gesundheitlichen Themen wie HSD im Alltag Balance zu finden, da mein Körper und Nervensystem auf vieles intensiv reagiert.

Was ist ein Tipp oder Ritual, das du jedem ans Herz legen würdest, der seine Bewegungs- oder Yogapraxis vertiefen möchte?
Immer weiter lernen, besonders bei Menschen, die ähnliche Themen und Schwerpunkte haben.
Was ist deine Vision für Dich in den nächsten Jahren – und welche Wirkung möchtest du in der Welt mit Bewegung hinterlassen?
Der Fokus in meiner Arbeit als Yogalehrerin und Trainerin wird darauf liegen, mit meinem Wissen Menschen mit symptomatischer Hypermobilität (HSD / hEDS) sowie Neurodivergenz zu unterstützen. Viele Yoga Techniken und Trainingsarten berücksichtigen leider nicht die Anatomie Kenntnisse und Unterschiede zu neurotypischen Menschen, die es aber für eine Begleitung von hypermobilen und neurodivergenten Menschen braucht. Dabei kann Yoga und Krafttraining für uns sehr hilfreich und wertvoll sein, jedoch muss es zu unseren Bedürfnissen passend angewendet werden.
Tausend Dank für deine Zeit, liebe Jenni, und weiterhin alles Gute!
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